Tomas Schmit (1943 – 2006)



Foto: Dagmar Gebers (1978)

Über Tomas Schmit

Tomas Schmit (geb. 13.7.1943 in Wipperfürth) ist im Alter von 63 Jahren am 4. Oktober 2006 in Berlin gestorben. Der Künstler und Autor gehört zu den Pionieren der Fluxus-Bewegung in den frühen 60er Jahren. Er hat in den letzten 40 Jahren ein weit verzweigtes zeichnerisches Werk, Texte, Bücher und Künstlerbuchkonzepte entwickelt.
Seit den späten 60er Jahren bis zu seinem Tod hat er kontinuierlich in internationalen Galerien ausgestellt und ist mit seinen Zeichnungsserien in namhaften Museen und Sammlungen vertreten (u.a. Museum Ludwig, Köln; Sammlung Harald Falckenberg, Hamburg). Sein Werk wird von den Galerien Michael Werner in Köln / New York, Marlene Frei in Zürich, Rudolf Springer und Barbara Wien in Berlin und der Edition Armin Hundertmark vertreten.

Tomas Schmit hat die radikale Infragestellung der bürgerlichen Kunst und die Ansätze zu einer neuen Ästhetik wesentlich mitgeprägt. Sein Briefwechsel mit George Maciunas führte dazu, dass eine theoretische Auseinandersetzung mit den politischen und ästhetischen Vorstellungen der Fluxuszeit möglich wurde. Als Künstler hat er Fluxus-Events mitgestaltet, die heute als Meilensteine der Kunst der 60er Jahre gelten. Als Veranstalter organisierte er das legendäre Event "20. Juli TU Aachen" 1964 (mit Beuys, Köpcke, Vostell, Paik u.a.). 1982 schrieb er in dem Buch "1962 Wiesbaden Fluxus 1982" den bedeutenden theoretischen Text "über f.", der eine der raren, profunden Einschätzungen der Fluxusideen von Künstlerseite aus darstellt. Freunde und Kollegen, mit denen er arbeitete und die ihn wegen seiner konsequenten künstlerischen Haltung geschätzt und über ihn geschrieben haben, sind: Nam June Paik, George Brecht, Arthur Köpcke, Ludwig Gosewitz und Dieter Roth - um nur einige zu nennen. Dieter Roth war es auch, der ihm 1982 das Stipendium des an ihn verliehenen Rembrandtpreises zuerkannte. 1986 erhielt er den Kurt-Schwitters-Preis der Stadt Hannover.

Tomas Schmit hat sich früh von der aktiven Fluxusaktion zurückgezogen, denn er war gegen die Verwässerung des radikalen Potentials. In diesem Potential gründet sein wohl wichtigstes Arbeitsprinzip: „was ich, neben vielem anderen, von f. gelernt habe: was man mit einer plastik bewältigen kann, braucht man nicht als gebäude zu errichten; was man in einem bild bringen kann, braucht man nicht als plastik zu machen; was man mit ner zeichnung erledigen kann, braucht man nicht als bild zu bringen; was man auf nem zettel klären kann, braucht keine zeichnung zu werden; und was man im kopf abwickeln kann, braucht nichtmal einen zettel!“

Er entwickelte in den darauf folgenden Jahrzehnten ein Werk, das mehrere tausend Zeichnungen umfasst. Er veröffentlichte Editionen und Bücher. Seine Themen sind u.a. Sprache, Logik, Paradoxe, Biologie, Kybernetik, Gehirnforschung, Verhaltensforschung und Wahrnehmungs- theorie. Mit seinem Buch "erster entwurf (einer zentralen ästhetik)" hat er 1989 eine Einführung in die Gehirnforschung geliefert, die der Kybernetiker Prof. Valentin Braitenberg so charakterisierte: "Ich habe nämlich die Absicht, dieses Buch zu empfehlen, wenn mich wieder einmal, wie es oft geschieht, ein Physiker oder sonst ein Anfänger nach einer Einführung in die Gehirnwissenschaft fragt. Es hat wohl einen Dichter gebraucht, den Charme des materiellen Zugangs zur Psychologie zu erfassen, die Freude an der selbstkritischen Exaktheit mit eingeschlossen. Damit ist dieses Buch genau antipodisch zu dem, was einen so oft verdrießt: das Verniedlichen der Ereignisse und Verschweigen der Probleme, mit dem sich volkstümliche Wissenschaft beim Volke anbiedert - und dabei nur zeigt, wie gering sie dieses Publikum schätzt."

In Vorbereitung sind zwei Publikationen des Künstlers - sein vierter Werkkatalog (Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln), den er wie seine bereits vorliegenden Werkverzeichnisse (1978 Kölnischer Kunstverein; 1987 DAAD Berlin / Sprengel Museum Hannover; 1997 Portikus Frankfurt) als künstlerischen Selbstkommentar angelegt hat. Außerdem wird 2007 eine Publikation erscheinen, die Tomas Schmit in seinem letzten Lebensjahr vorbereitet hat.
Es handelt sich um "13 Gespräche" (Wiens Verlag, Berlin), die die Kunsthistorikerin Wilma Lukatsch mit ihm führte.

In diesen 13 Gesprächen wird man mit erfrischendem Sprachwitz, gleichzeitig ernst und unterhaltsam, in die biographischen Daten und die künstlerischen Fragen von Tomas Schmit eingeführt. Das Neue an der Kunst der 60er Jahre, die Aktionszeit, die Freundschaften mit verwandten Köpfen, die Ansprüche und die Ergebnisse der künstlerischen Ideen werden erörtert und kritisch hinterfragt. Detailliert wird auch die besondere Position des Zeichnens und Schreibens erläutert, für die sich Tomas Schmit entschieden hat. Dass er beim Zeichnen Konzepte entwickelte, die im Zusammenhang mit der 'Aktion' Zeichnen stehen, ist ein wichtiger Aspekt, der bisher kaum Erwähnung in der Sekundärliteratur fand. Philosophische Fragen und auch die Anknüpfungspunkte zu literarischen Bereichen, wie Gertrude Stein und Franz Kafka, aber auch zu John Cage und Morton Feldman, deuten die Territorien an, mit denen Tomas Schmit sich auf dem Gebiet der Sprache und der Zeichen beschäftigte. Dazu gehören: Indeterminismus, Chaos und Ordnung, aleatorisches Prinzip und offene Form. Im Ganzen werden im Werk von Tomas Schmit mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben. Die Gespräche geben diese offene Form, die die Dinge im Fluss zeigt, aufs Beste wieder.