Ben Ratliff
Rolf-Dieter Weyer
Hannes Schweiger
Hellmut Kotschenreuther


Ben Ratliff
(…) Starting with one branch of the latter, we have several records from the ever-adventurous Free Music Production label in Berlin.
Viertens by the Manfred Schulze Bläser Quintett, is a worthwhile session without a rhythm section recorded by five veteran German reed players. Choral für Dr. Martin Luther King strides in an organized chamber music pattern and sounds rather like a more monolithic World Saxophone Quartet; the mournful and canon like B-A-C-H, in four parts, experiments with building fragile lavers of sound and then dissolving them with a gradual falling off in pitch. It’s the understated process of gradually adding voices to build tension that emerges as the preeminent compositional method here, and the babbling crescendo sections which result can be effective. Although the improvised solo passages run a bit dry (i.e. emotionally or intellectually incomprehensible), the notated ensemble passages give the record great respectability. Viertens is the best cut, short on noodling and long on preconceived interplay.
from: CODA Magazine # 238, July/August 1991


Rolf-Dieter Weyer
Manfred Schulze gehört zu den Künstlern, die sich mit ihren Arbeiten allen Mode-Strömungen widersetzen und in Anspruch und kreativer Ausführung einen eigenen Weg gehen. Seit Ende der 60er Jahre strebt er eine Synthese von zeitgenössischer klassischer Musik und zeitgenössischem Jazz an. Seine Improvisationsmodelle erfordern von den beteiligten Musikern ein hohes Maß an Disziplin. Dabei stehen die Entwicklung von Klangstrukturen, Klangfeldern und Klangflächen im Vordergrund nicht das überkommene Chorusspiel.
Die aktuelle FMP-Produktion Viertens, 1989 veröffentlicht, stammt von Berliner Aufnahmen des Jahres 1986. Auf ihr sind vier Kompositionen von Schulze zu hören. Sie sind allesamt Musik von hoher Eindringlichkeit und ungemein präzise in ihrer klanglichen Ausführung. Sie sind Trauer- und Widerstehensmusik zugleich, ohne Resignation klagend und dann wiederum aufbäumend kraftvoll, voller konstruktiver Phantasie in einer dual angelegten Ästhetik. Da gibt es ein freudig erregtes, hymnisches und fanfarenartiges Melos, das im Formablauf sich zu einem zeitlos wirkenden Ruf-Antwort-Schema auswächst. Durch den Wechsel von weiten und engen Intervallführungen mit ihren Empfindungen des Leeren und dissonanten Gebrochenen widersetzt sich dieses Melos dem melodisch Wohlgefälligen, wird vielmehr zum steten Widerpart im vielzüngigen Reden der Bläser. So ist Schulzes Musik drängende Klangrede, eingebunden in die klanglichen Erscheinungen des Morphologischen, des klangfarblich flächig und punktuell Changierenden und Aufleuchtenden, des Auftürmens, Kaskadierens und Strudelns von Bläserstimmen. Mit weit ausgeführten a-capella-Steigerungen und dem folgenden, verzehrenden Nachlassen in schattierten Klangfeldern, Bändern und Einzelpunkten präsentieren sie eine malerische Disposition von Musik, die aus einer kontemplativen Grundhaltung heraus zur Grenze einer chaotisch wirkenden Vehemenz schreitet und dieses Symbol letztmöglicher musikalischer Energie durch die Strenge der Prozesshaftigkeit der Komposition wiederum bindet. Man kann daher die Hinweise auf Martin Luther King und Johann Sebastian Bach in ihrer gestischen Funktion an der kompositorischen Grundhaltung von Manfred Schulze widerspiegeln. Ein quasi immerwährendes Schreiten und Reden, ein behutsames Singen und ein Sinn für wunderschöne Zeitproportionen durchzieht alle Kompositionen und Improvisationen. Das überkommene heilige swingen erscheint nur rudimentär. Wenn es erscheint, verweist es auf einen Energiekern im quasi Verborgenen. Was für die Vorstellung musikalischer Zeit gilt, kennzeichnet auch die Haltung Schulzes gegenüber dem Klangfarblichen. Es erscheint wie eine strenge Gesetzmäßigkeit, dass Farbe nur durch das Vorhandensein von anderer Farbe wirkt, von hier aus ihren künstlerischen Sinn nimmt als sinnfällig Ergänzendes oder Gegensätzliches, aber eben niemals als übergeworfene, arrangierte Buntheit aus einem instrumentalen Farbkasten. Wenn komponieren ohne falsche Emphase ein Sich-Schreiben-von-der-Seele ist, dann ist diese FMP-Produktion ein Dokument dafür.
aus: Jazzthetik # 4, April 1990


Hannes Schweiger
Erstens:
Das Ensemble bestätigt mit dieser Platte die Kontinuität seiner Zusammenarbeit.
Zweitens:
Leader Manfred Schulze, ein Musiker, der seit den 60er Jahren konsequent an einer konkreten Zusammenführung experimenteller Moderne und freier Improvisation arbeitet.
Drittens:
Haben die fünf DDR-Musiker diese Aufgabenstellung sehr schlüssig gelöst und sie bilden das eigenständigste und ausgereifteste Ensemble dieser Richtung in Europa.
Viertens:
Die Musik. In ihr besteht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen genau vorgegebenen Texturen und spontaner, frei assoziativer Ausgestaltung, wobei in den Kompositionen wie Improvisationen die Musiker dem umfassenden Klangspektrum heutiger Improvisationsmusik verpflichtet sind. Dabei Ideenreichtum beweisend: Vier Stücke mit unterschiedlichen Attributen „Soulige“ Bläserostinate, die in ein expressives Tenorsolo münden. Eine Hommage an den schwarzen Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King, als auch eine an den schwarzen Free Jazz der 60er Jahre. Abstrakte Formen der Kontrapunktik, wie in „B-A-C-H“. „Viertens“, das Titelstück, ist ein verzweigtes Ruf-Antwortspiel mit einem stürmischen Sopransolo von Diesner. Gekonnt vermengt sich hier diszipliniertes mit losgelöstem Spiel. Den Abschluss bildet ein rein improvisiertes Stück, indem die Musiker deutlich ihr Können in diesem Metier zum Ausdruck bringen Außerdem wird die Musik mit brennender Leidenschaft und außerordentlichem Kollektivgeist dargeboten.
aus: Jazz Live # 6, 1990


Hellmut Kotschenreuther
Der Choral für Martin Luther King, der die Platte einstimmt, ist natürlich kein Choral im strengen Sinne des Begriffs: Johannes Bauer, Dietmar Diesner, Manfred Hering und Heiner Reinhardt, die sich zusammen mit dem namensgebenden Saxophonisten und Komponisten im Manfred Schulze Bläser Quintett zusammengefunden haben, musizieren gern auf der Grenzlinie zwischen der komponierten Musik und der Free Musik, wo die überlieferten Begriffe und Formen ins schwer Definierbare, ja ins Unanwendbare ausfransen. Mit seinen präzis gesetzten Signalakkorden, mit dem ostentativ chaotisierten Mittelteil und dem im Pianissimo poetisch verflatternden Schluss lenkt das Eingangsstück die Assoziationen des Hörer gleichwohl in Richtung Choral, sofern diese Bezeichnung auch die Utopie von einer umfassenderen nichtkirchlichen Religiosität (und deren Scheitern) impliziert. Dass sich das vielbearbeitete B-A-C-H-Thema, das sich im folgenden Stück aus einer Folge schärfster Dissonanzen konstituiert, auch in den Bereichen des Psychotischen, Traumatischen und Verstörenden entfalten kann, zeigt Schulzes gleichnamige Komposition. In der Suite für Improvisations Quintett und in Viertens stranden Schulze und seine exzellenten Musiker wieder einmal dort, wo die Free Music vor nun auch schon zwei Jahrzehnten damit begonnen hat, Spuren im Subjektivistischen, Exhibitionistischen, Egomanischen zu setzen. Schnee vom vergangenen Jahr: man hört gute Instrumentalisten, gute innovative Musik hört man nicht.
aus: Neue Zeitschrift für Musik # 1, 1991

see/siehe: Reviews/Rezensionen CD-Edition FMP CD 87

Manfred Schulze & Hannes Bauer Photo: Dagmar Gebers (1986)


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